Simone Laudehr wurde während ihrer Profikarriere Welt- und Europameisterin, Olympiasiegerin, Deutsche Meisterin, Pokalsiegerin und gewann die Champions League. In ihrer Karriere nach der Karriere ist sie als Produzentin für EA tätig und tritt immer wieder als Botschafterin des IFI auf, nachdem sie dort das CAS „Spielanalyst*in im professionellen Fußball“ absolviert hat. In der Ausgabe 1/24 der VDV-Publikation „WIR PROFIS“ ist dieses Exklusiv-Interview mit Simone Laudehr erschienen:

 

Keine Angst vor dem Neuanfang

Auch dank der Unterstützung des VDV-Bildungspartners IFI (Internationales Fußball Institut) gelang Weltmeisterin Simone Laudehr beim Übergang von der aktiven in die nachfußballerische Karriere eine sanfte Landung. Im Interview mit WIR PROFIS erklärt sie, welche Hürden sie dennoch zu nehmen hatte und warum eine sorgfältige Karriereplanung gerade für Spielerinnen nicht immer einfach ist.

WIR PROFIS: Simone, dein Übergang von der Profilaufbahn zur Karriere danach wirkt wie aus dem Bilderbuch: parallele Berufsvorbereitung beim FC Bayern, abgeschlossenes Hochschulzertifikat und nun der Job bei Electronic Arts. Lief alles so reibungslos wie es aussieht oder gab es Hürden?
Simone Laudehr:
Rückblickend kann man schon sagen, dass das alles sehr reibungslos lief. Aber natürlich kommen die Jobs nicht einfach auf dich zugeflogen, man muss sich schon selbst darum kümmern. Klar ist es nicht so einfach, dass sich das Leben mit dem Ende der Profikarriere komplett verändert. Die sportliche Laufbahn ist für uns Profisportlerinnen ja auch irgendwo der Höhepunkt des Lebens, der dann quasi schon „ausgelebt“ ist. Dann stellen sich die Fragen: Was will ich überhaupt machen und was für Ziele habe ich noch? Diese Fragen zu beantworten, kann schwierig sein. Während meiner Karriere hatte ich aber bereits studiert und Erfahrungen in den Bereichen Marketing, Sponsoring und Event sammeln können. Daran konnte ich bei meiner ersten Stelle im FC Bayern Museum direkt anknüpfen, außerdem war dieser Job ja auch thematisch und räumlich nicht weit weg von meiner Rolle als Bayern-Spielerin.

Wie wichtig war ein schneller und guter Übergang in die Berufswelt aus finanzieller Sicht?
Ich habe während der aktiven Zeit viel investiert und Rücklagen gebildet, wirklich kritisch war es also nicht. Auch andere Spielerinnen werden etwas auf der hohen Kante haben. Aber gerade wir Spielerinnen haben halt nicht unbedingt Millionen verdient und sollten deswegen einen klaren Plan haben.

Auch deshalb bist du direkt in die Vollzeitbeschäftigung gestartet?
Genau – zunächst für ein Jahr im FC Bayern Museum, anschließend bekam ich ein Angebot von EA (Electronic Arts), was ich auch sofort angenommen habe. Hier habe ich ein super Umfeld und kann mich beim Thema Daten- und Videoanalyse voll reinhängen!

Mit dem Ende der Profilaufbahn ändert sich auch der komplette Alltag: Trainingseinheiten und das Highlight am Wochenende – oft vor großem Publikum – fallen weg. Was macht das mental mit einem Profisportler?
Ich hatte ehrlich gesagt gar keine Zeit, in der ich in ein Loch hätte fallen können. Drei Wochen Urlaub und dann ging’s auch schon los. Aber es ist natürlich schon eine große Umstellung: Tagsüber neun Stunden vor dem Laptop zu sitzen und dann noch abends die Energie für Sport und andere Aktivitäten zu haben, fand ich enorm schwierig. Vorher waren Sport und Arbeit besser verknüpft, die Umstellung fiel mir definitiv nicht leicht. Mit der heutigen Erfahrung würde ich aber vielleicht empfehlen, eine etwas längere Pause zu machen als ich; alles erst einmal zu reflektieren, vielleicht sogar halbtags anzufangen und dann langsam in die Vollzeit zu gehen.

Aus der VDV-Bildungstendenzstudie wissen wir, dass ungefähr die Hälfte der Profis weder über abrufbare berufliche Qualifikationen verfügt noch dabei ist, diese zu erwerben. Warum denken so viele Spielerinnen und Spieler nicht an Morgen?
Tja, gute Frage. Natürlich gibt es viele Unternehmen, die ein Maß an Erfahrung wollen, das wir während unserer Profikarriere einfach nicht im selben Maße sammeln können wie andere Arbeitnehmer in der Branche. Profi sein und nebenher noch Arbeitspraxis sammeln ist schon enorm fordernd. Zumal es bei uns in der Liga auch Spielerinnen gab, die gezwungen waren, nebenbei zu arbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen. Während der aktiven Zeit in Ruhe zu studieren, ist ein Privileg, das fast nur Nationalspielerinnen haben, weil sie genug verdienen. Nicht jede Spielerin hat diese Möglichkeit.

Ich kann aber trotzdem nur empfehlen, sich so gut es irgendwie geht mit der Karriere danach auseinanderzusetzen. Vielleicht haben viele Angst davor, wieder von null anzufangen. Das muss aber gar nicht sein: Viele Unternehmen sind an Sportlern interessiert, auch wenn diese noch keine große Berufserfahrung vorweisen können. Schließlich bringen Profisportler ein gewisses Portfolio von Erfahrungen mit, die es so auf dem Arbeitsmarkt nicht oft gibt. Auch wenn es um Rückschläge und Krisenmanagement geht, sind Sportler und Sportlerinnen mit ihrer mentalen Einstellung sicherlich nicht schlecht geeignet.

Experten wie die VDV oder das IFI helfen Profis dabei, rechtzeitig einen Plan für die Zeit nach der Karriere zu entwickeln. Wann hast du als Spielerin realisiert: Das hier wird nicht ewig dauern – ich muss mich auf die Zeit nach der aktiven Karriere vorbereiten?
Ich habe mich am Anfang auch erst einmal voll und ganz auf Fußball konzentriert, nachdem ich den Sprung geschafft hatte. 2015 habe ich dann ein Sportmarketing-Studium begonnen, habe das aber schon eher ruhig angehen lassen. Wenn du in der Nationalmannschaft bist und bei der Weltmeisterschaft spielst, kannst du dich nicht parallel noch auf Uni-Prüfungen vorbereiten. Da brauche ich meinen Fokus zu 100 %. Das hatte ich aber einkalkuliert und mein Studium deshalb bewusst früh begonnen, um es während meiner Profikarriere noch etwas strecken zu können. Und damit bin ich sehr gut gefahren. Ich habe meine Abschlüsse gemacht – darunter auch das IFI-Zertifikat „Spielanalyst*in im professionellen Fußball (CAS)“ – und bin dann ins Berufsleben gestartet.

Du warst Welt- und Europameisterin, Olympiasiegerin, Deutsche Meisterin, Pokalsiegerin und Champions-League-Siegerin. Wie motivierst du dich tagtäglich in deinem neuen Job bei EA, wo Erfolg nicht in Titeln oder Punkten gemessen wird?
Bei EA geht es für mich – ähnlich wie beim Fußball – um einen guten Teamgeist. In meiner Position ist es wichtig, zu sehen, dass mein Team Spaß hat an dem, was es tut; auch in Situationen, in denen es vielleicht mal ein bisschen heißer hergeht. Es motiviert mich auch, mich selbst weiterzuentwickeln, weil es in meinem neuen Job so viel gibt, was ich noch lernen kann. Auch mein Englisch wird zum Beispiel immer besser. Manchmal ist der Job aber auch sehr anstrengend und ich falle um 21:00 Uhr todmüde ins Bett. Aber es macht unglaublich viel Spaß, gerade auch wegen des großartigen Teams. Ich habe ganz deutlich das Gefühl: Da wo ich jetzt bin, bin ich auf jeden Fall richtig.