
Warum ist Spanien Weltmeister geworden und Deutschland so früh ausgeschieden? IFI-Spielanalyse-Chef Sebastian Friedl erklärt es im großen WM-Interview: „Nationale Identität schlägt kurzfristiges Kopieren.“ Das Interview führte Martin Einsiedler und es erschien zuerst im Tagesspiegel.
Sebastian Friedl, warum ist Spanien aus spieltaktischer Sicht Weltmeister geworden?
Das kann im Grunde jeder Fan schnell erkennen: Spanien kontrolliert das Spiel über den Ballbesitz. Was aber erst beim genauen Hinschauen sichtbar wird, ist die Konsequenz, mit der sie das über das gesamte Turnier durchgezogen haben. Besonders im Halbfinale war zu sehen, wie sie über die Spielkontrolle das Tempo und den Rhythmus vollständig bestimmt haben. Und dann ist da noch diese Zahl, die für sich spricht: nur ein einziges Gegentor im gesamten Turnier – das ist Rekord. Das sagt alles darüber aus, wie konsequent ihr Ansatz war.
Spielkontrolle steht über allem?
Das Prinzip ist simpel, aber brutal effektiv: Wer den Ball hat, muss nicht verteidigen. Der Gegner muss gegen den Ball laufen, investiert Energie – körperlich und mental – und bekommt kaum Zugriff. Und wenn Spanien den Ball doch mal verliert, setzen sie sofort nach: Gegenpressing, Räume schließen, Ball zurückerobern. Das machen sie nicht punktuell, sondern über 90 Minuten und mit dem kompletten Team. Dazu kommt, dass das zentrale Mittelfeld der eigentliche Taktgeber ist. Dort agieren Spieler, die genau wissen, wann sie in einen Raum reinspielen und wann eben nicht.
Sie haben die mentale Stärke Spaniens angesprochen. Ist das auch ein Faktor?
Ja, und er hängt direkt mit dem Ballbesitz zusammen. Wenn ich weiß, dass ich das Spiel kontrolliere, habe ich automatisch ein höheres Selbstbewusstsein. Argentinien hat im Halbfinale versucht, England über Nickeligkeiten und kleine Scharmützel aus dem Konzept zu bringen – das ist oft das letzte Mittel einer unterlegenen Mannschaft. Aber Spanien hat sich darauf im Finale nicht eingelassen. Wer sich auf solche Spielchen einlässt, schwächt sich selbst. Die Spanier haben das erkannt und sind bei ihrer Stärke geblieben: ruhig, kontrolliert, geduldig. Das ist kein Zufall, das ist Reife, die über viele Jahre gewachsen ist.
Warum ist Deutschland so früh ausgeschieden?
Meine persönliche Einschätzung: eine sehr hohe Ballverlustrate im Mittelfeld und Probleme im Kombinationsspiel gegen physisch starke Gegner. Ob Elfenbeinküste, Ecuador oder Paraguay – in all diesen Spielen war spürbar, dass die deutsche Mannschaft zu viele Bälle in der Schaltzentrale hergegeben hat. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was Spanien macht. Ballverluste kosten Energie und eröffnen dem Gegner Räume. Bundestrainer Julian Nagelsmann wurde auch wegen seiner Personalentscheidungen kritisiert. Die Aufstellungsfrage hat mich besonders beschäftigt. Ich habe es für einen Fehler gehalten, dass Joshua Kimmich nicht zentral gespielt hat. Kimmich und Aleksandar Pavlović auf der Doppelsechs – das wäre die naheliegende Lösung gewesen, denn genau dort spielen sie bei Bayern München. Sie sind dort aufeinander eingespielt, vertrauen sich, kennen die Abläufe. Mit Bayern haben sie das Champions League-Halbfinale erreicht. Das ist Qualität, die man hätte nutzen können. Stattdessen spielte Kimmich rechts hinten. Wo seine eigentlichen Stärken gar nicht zum Tragen kommen.
Und ein Felix Nmecha auf der Sechs?
Er ist ein offensivfreudig agierender Spieler, kein Zweikampfspezialist für physisch intensive Duelle im Mittelfeld. Das geht auf die Kappe von Julian Nagelsmann. Es ist Aufgabe eines Bundestrainers, die Spieler auf die Positionen zu stellen, wo sie ihre Stärken ausspielen können – das ist in diesem Turnier nicht gelungen.
Was sind die zentralen spieltaktischen Erkenntnisse dieser WM?
Die athletische Grundlage ist für alle Teams inzwischen auf hohem Niveau. Kleinere Nationen haben diese Lücke geschlossen. Wer technisch nicht sauber ist oder zu viele Fehler macht, wird bestraft – weil der Gegner auch in der 80. Minute noch konsequent verteidigen kann. Zweitens: Der Abwehrblock als Mittel ist effektiver denn je. Wer sich kompakt zurückzieht, gibt wenig Räume preis. Und wer dann noch ein, zwei individuelle Unterschiedsspieler für den Konter in seinen Reihen hat, kann auch Favoriten gefährden oder schlagen. Elfenbeinküste mit Yan Diomandé von Leipzig ist ein gutes Beispiel dafür. Drittens: Nationale Identität und eine über Jahre etablierte Spielphilosophie sind entscheidende Vorteile. Spanien, Frankreich, England, Argentinien – alle haben eine klare Vorstellung davon, wie sie spielen wollen. Deutschland hingegen neigt dazu, sich erfolgreiche Elemente anderer Teams zusammenzusuchen, ohne daraus eine eigene Identität zu formen. Das ist ein strukturelles Problem, das in der Führungsriege des deutschen Fußballs angegangen werden muss.
Lässt sich die spielerische Qualität dieser WM vergleichen?
Das ist methodisch schwierig. Das Turnier ist größer, es gibt mehr Teams, mehr Spiele, eine andere Struktur. Ein direkter Vergleich mit früheren WMs hinkt deshalb. Was ich vermute – ohne es abschließend belegen zu können, ist, dass die gelaufenen Kilometer pro Spiel gestiegen sind, weil die athletische Qualität zugenommen hat und die Spiele länger dauern.
Gibt es taktische Muster, die Sie erkennen konnten?
Wir haben weniger Mittelfeldpressing gesehen als früher und mehr klare Extrempositionen entweder tiefer Abwehrblock oder hohes Angriffspressing. Die Manndeckung, die im Klubfußball zuletzt wieder populärer wurde, war auf internationalem Niveau kaum zu sehen. Insgesamt war das spielerische Niveau der Spätphase – Halbfinale, Finale – sehr hoch, auch wenn Nationalmannschaften strukturell nicht mit Top-Klubs verglichen werden können, die sich Kader über Transfers zusammenstellen können, über eine ganze Saison zusammenwachsen und über deutlich mehr Trainingszeit verfügen.
Lässt sich etwas für die Zukunft des Fußballs ableiten?
Ich sehe drei Punkte: Defensive Stabilität, gepaart mit athletischer Konsequenz, wird immer wichtiger. Spanien mit nur einem Gegentor ist das deutlichste Zeichen dafür. Wer Räume zulaufen kann und bei Ballverlust sofort kollektiv verteidigt, hält Spiele offen und hat die Energie für entscheidende Momente. Zweitens: Die Globalisierung produziert immer mehr Einzelspieler aus kleineren Nationen, die auf höchstem Niveau mithalten können. Das frühe Scouting, die frühe Entwicklung in Europa und die persönliche Motivation dieser Spieler, ihren Lebensweg über den Fußball zu gestalten, machen sie zu attraktiven und wirkungsvollen Spielern. Und der dritte Punkt ist vielleicht entscheidend: Die nationale Identität schlägt kurzfristiges Kopieren. Teams, die über viele Jahre eine klare Spielphilosophie entwickelt und verankert haben, haben strukturelle Vorteile. Sie erzeugen beim Gegner Respekt, weil dieser weiß: Hier kommt etwas Stabiles, etwas Verlässliches. Deutschland muss in dieser Hinsicht dringend Hausaufgaben machen. Und es gibt schon eine Gegenbewegung zu einem WM-Trend, die ich beobachte: Wenn sich eine Taktik wie der tiefe Block als dominant erweist, beginnen die anderen Teams, Antworten zu finden. Mehr Arbeit an Standards, mehr Schüsse aus der zweiten Reihe – bei dieser WM sind auffällig viele Tore von außerhalb des Strafraums gefallen, plus die Abstauber danach. Das könnte die nächste taktische Phase sein: Wer einen kompakten Block nicht aufbrechen kann, sucht den Weg über Standards und Distanzschüsse. Der Fußball entwickelt sich immer weiter – das ist sein Reiz.