
Die WM ist vorbei. Am 19. Juli gewann Spanien das Finale gegen Argentinien mit 1:0 nach Verlängerung, das 104. und letzte Spiel des Turniers. Damit liegt der erste vollständige Datensatz zu den neuen Regeln vor. Beschlossen hat sie das International Football Association Board (IFAB), die FIFA hat sie ab dem Eröffnungsspiel angewendet, seit dem 1. Juli gelten sie auch für die Saison 2026/27 im deutschen Profi- und Amateurfußball. Das Ziel: mehr Spielfluss, weniger Zeitschinden, mehr Nettospielzeit.
Was konkret neu ist
Drei Punkte fallen im Spiel unmittelbar auf:
- Auswechslungen: Der Spieler, der runtergeht, hat zehn Sekunden Zeit, das Feld zu verlassen. Braucht er länger, darf der Einwechselspieler nicht sofort rein, sondern muss nach der Spielfortsetzung eine Minute warten.
- Einwurf und Abstoß: Hat der Schiedsrichter den Eindruck, dass die Ausführung absichtlich verzögert wird, zeigt er einen Countdown von fünf Sekunden an. Läuft er ab, geht der Einwurf an den Gegner, beim Abstoß gibt es Eckball. Ein generelles Zeitlimit für jeden Einwurf gibt es allerdings nicht. Die Regel greift nur bei Verzögerung der eigenen Spielfortsetzung und setzt damit eine Ermessensentscheidung des Schiedsrichters voraus.
- Behandlungspausen: Nach einer Behandlung auf dem Rasen muss der Spieler eine Minute draußen bleiben.
Dazu kommen zwei Beschlüsse einer IFAB-Sondersitzung vom 28. April 2026 in Vancouver (u. a. Feldverweis bei Spielfeld-Verlassen aus Protest) sowie eine Präzisierung des VAR-Protokolls, die die IFAB am 31. Mai 2026 speziell für die WM bekanntgab. Vergehen der angreifenden Mannschaft vor der Ausführung einer Ecke oder eines Freistoßes können nun zu einem On-Field Review führen.
All das ist die Fortsetzung der Torwart-Regel von 2025/26: acht Sekunden halten, danach Eckball statt indirektem Freistoß. Das Ziel davon ist, nicht das Vergehen neu zu definieren, sondern die Strafe umzubauen, damit sie tatsächlich verhängt wird.
Das Versprechen: die 60-Prozent-Marke
Die FIFA hat ein messbares Ziel ausgegeben: Die Nettospielzeit soll bei mindestens 60 Prozent liegen, also bei rund 54 Minuten plus Nachspielzeit. Das ist die Zahl, an der sich die Reform prüfen lassen muss.
Was die Verbandsdaten zeigen
Die Zwischenbilanz von FIFA-Schiedsrichterdirektor Pierluigi Collina vom 30. Juni ist in einem Punkt eindeutig. In den 72 Gruppenspielen hielt genau ein ausgewechselter Spieler die Zehn-Sekunden-Frist nicht ein. Die Fünf-Sekunden-Frist wurde bei Abstößen viermal überschritten, jeweils mit Eckball für den Gegner, bei Einwürfen elfmal, jeweils mit Wechsel des Einwurfrechts. Wegen Reklamierens gab es je zwei Verwarnungen für Spieler und Trainer.
Das ist ein Verhaltensbefund, kein Zeitbefund: Die Sanktion wirkt offenbar präventiv. Wie viele Sekunden dadurch gewonnen wurden, sagt die Statistik nicht.
Was die Zeitdaten zeigen
Der kicker hat die Turnierspiele ausgewertet und kommt auf durchschnittlich 58,1 Minuten effektive Spielzeit. Die 60-Prozent-Marke werde dabei häufig übertroffen. Beim 0:0 zwischen Spanien und Kap Verde lag die Nettospielzeit (abzüglich Trinkpausen) bei 71,3 Prozent. Das Fazit: mehr reine Spielzeit als bei jeder WM seit 1998.
Schiedsrichter-Experte Patrick Ittrich kommt bei MagentaTV auf praktisch denselben Wert, 58,07 Minuten, und zieht ein gegenteiliges Fazit. Das liege leicht unter dem Niveau der EM 2024, die Regeln hätten also kaum gewirkt. Die Einwurf-Regel verlängere die Abläufe eher.
Beide haben recht. Der Unterschied liegt nicht in den Daten, sondern in der Vergleichsgruppe. Gegen frühere Weltmeisterschaften gemessen ist 58,1 ein Spitzenwert, gegen ein UEFA-Turnier gemessen Durchschnitt. Wer eine Reform bewerten will, muss also erst seinen Referenzwert angeben.
Wie sehr das ins Gewicht fällt, zeigt ein dritter Wert. Collina bezifferte die effektive Spielzeit der WM 2022 nach dem Turnier auf 59:47 Minuten, gegenüber 55:41 Minuten 2018. Nimmt man diese Zahl, liegt die WM 2026 nicht über, sondern unter Katar. Die Werte sind nicht direkt vergleichbar, weil unklar ist, ob dieselben Unterbrechungen abgezogen wurden. Genau das ist der Punkt: Ohne offengelegte Messmethode ist der Satz „höchste Nettospielzeit seit 1998" nicht prüfbar.
Hinzu kommt: Bei der WM 2026 gab es verpflichtende Trinkpausen (eine je Halbzeit, etwa ab Minute 22), während die Uhr weiterlief. Sie drücken die Nettoquote rechnerisch nach unten, ohne dass die Regeländerung daran schuld wäre. Und die Nachspielzeiten bleiben ein Thema für sich. Zum Vergleich: In den Viertelfinals der WM 2022 wurden im Schnitt 11,75 Minuten nachgespielt, in den EM-Viertelfinals 2024 waren es 4,5 Minuten.
Fazit
Bei den Auswechslungen wirkt die Reform, Zeitspiel kommt dort nicht mehr vor. Bei der Nettospielzeit hängt das Urteil am Referenzwert: gegen frühere Weltmeisterschaften gemessen liegt die WM 2026 vorn, gegen die EM 2024 im Mittelfeld. Kritisch bleibt zudem, dass jede Regel dem Schiedsrichter zusätzliche Ermessensentscheidungen aufbürdet.
Aussagekräftig wird erst die Saison 2026/27, die am 7. August in der 2. Bundesliga und am 28. August in der Bundesliga beginnt. 34 Spieltage statt sieben Turnierwochen, ohne Trinkpausen, mit einer Vorjahresvergleichsgruppe im selben Wettbewerb. Entscheidend ist dabei, die Nettospielzeit nicht isoliert zu betrachten, sondern gegen die gesamte Spieldauer zu halten: Ein Spiel, das nur länger dauert, hat noch nicht mehr Fußball.