
Pre-Analyse
Spanien – Argentinien
WM-Finale
Spanien, das taktisch beste Team mit den wenigsten Gegentoren, gegen Argentinien, das kampfstärkste Team mit den meisten geschossenen Toren!
SPANIEN
Mit großartiger Positionierung und sehr präzisem Passspiel ist Spanien momentan das taktisch stärkste Team. Ihr Trumpf ist, dass sie diese Spielphilosophie über Jahre konstant in der A-Nationalmannschaft UND den U-Auswahlteams verfolgen, und so mit der kurzen Vorbereitungszeit auf ein Turnier wie die WM sehr gut zurechtkommen.
Mit ausgeprägter Spielkontrolle haben die Spanier die nominell so offensivstarken Franzosen im Halbfinale kaum zur Entfaltung kommen lassen. Auch wenn ihr Ballbesitz im Vorwärtsspiel phasenweise keinen Ertrag bringt, so bestimmt Spanien das Spieltempo und der Gegner muss anstrengende Verteidigungsarbeit leisten. Gelingt es ihnen zudem, den Ballbesitz mit offensiv ausgerichtetem Positionsspiel zu verbinden, kommen sie während eines Spiels auch immer zu Torchancen.
Im zentralen Mittelfeld ziehen Rodri und Fabian Ruiz die Fäden und sorgen für die markante spanische Spielweise. Außenstürmer Lamine Yamal hat sein Ausnahmetalent bereits aufblitzen lassen und wird in seinem ersten WM-Finale sicherlich seine Antrittsstärke im Dribbling über den rechten Flügel gegen Argentiniens Linksverteidiger Nicolas Tagliafico ausspielen wollen. Mit dem Ex-Leipziger Dani Olmo haben die Spanier einen spielstarken offensiven Mittelfeldspieler, der immer wieder den nach vorne sprintenden Linksverteidiger Marc Cucurella einsetzt.
Oft folgen von der linken Seite flache Hereingaben in den Raum um den Elfmeterpunkt, wo Stürmer Mikel Oyarzabal (fünf Tore in sieben Spielen) oder ein aufgerückter Mittelfeldspieler abschließt.

Grafik: ESP-ARG – ESP-Angriff über links und dann Hereingabe ins Zentrum plus Rückraum besetzt
Bei Ballverlust arbeitet Spanien im Gegenpressing sowie im Rückwärtsverteidigen stark im Kollektiv. Auf diese Weise stellen sie mit bisher nur einem einzigen Gegentor im Turnier die beste Defensive. Potenziell anfällig sind sie nach Ballverlusten, wenn der Gegner in hohem Tempo auf die Abwehr zulaufen kann. Sonst offenbarten sie in der Defensive gelegentlich Probleme bei hohen Bällen und Hereingaben.
ARGENTINIEN
Mit Titelverteidiger Argentinien kommt nun ein Gegner auf Spanien zu, der mit 19 Toren über die beste Offensive im Turnier verfügt. Zudem beeindrucken die Südamerikaner mit enormem Kampfgeist und schafften es im Halbfinale gegen England mit zwei späten Toren, das Spiel zu drehen und für sich zu entscheiden. Nach der ersten Rudelbildung nach nicht einmal drei Minuten sowie weiteren vielen Nickligkeiten an der Grenze des Erlaubten sorgten England und Argentinien dafür, dass durch viele Unterbrechungen nach Foulspielen kaum Spielfluss aufkam. Argentinien musste nach dem 0:1-Rückstand zu Beginn der zweiten Hälfte (55.) gegen England einmal mehr Moral beweisen.
England gelang es über weite Strecken, die argentinischen Spieler in der Mittelfeldzone stets unter Druck zu setzen, um Messi nicht ins Spiel kommen zu lassen. Gegen Ende des Spiels machte er jedoch den Unterschied mit zwei Vorlagen zu den späten Toren. Enzo Fernandez feuerte mehrere gefährliche Weitschüsse ab, wovon einer den Ausgleich bedeutete! Nach einer gefühlvollen Flanke von Messi brauchte der eingewechselte Lautaro Martinez nur noch einzunicken.
Argentinien gelang es während dieser WM wiederholt, ein enges oder verloren geglaubtes Match in der Schlussphase für sich zu entscheiden: Halbfinale – 2:1 gegen England, 85. & 90. +2, Viertelfinale – 3:1 n.V. gegen die Schweiz, 112. & 120. +1, Achtelfinale – 3:2 gegen Ägypten, 79., 83. & 90. +2, Sechzehntelfinale – 3:2 n.V. gegen Kap Verde, 93. & 111.

Grafik: ESP–ARG – ARG – Messi als Dreh- und Angelpunkt
Für Messi ist es das dritte WM-Finale bei seiner sechsten WM-Teilnahme. Der Vorteil durch die Unterstützung der eigenen Fans im Stadion dürfte zusätzlich auf Argentiniens Seite liegen, das haben die bisherigen Partien der Südamerikaner eindrucksvoll gezeigt.
AUSBLICK AUFS FINALE
Es wird äußerst interessant sein, wie Spanien und Argentinien mit dem jeweils gegnerischen Ansatz umgehen werden. Eine Besonderheit ist, dass beide Teams die gleiche Sprache sprechen, der Schiedsrichter voraussichtlich aber nicht. Noch steht der Unparteiische nicht fest, allerdings kommen Schiedsrichter aus Europa und Südamerika aufgrund der Kontinentalzugehörigkeit nicht infrage.
Ich erwarte, dass Spanien das Finale über Ballbesitz kontrollieren wird, während Argentinien in der eigenen Hälfte sehr aggressiv verteidigen wird, um bei Balleroberung über Messi schnell umzuschalten. Wer am Ende gewinnt, ist aus taktischer Sicht nicht vorhersagbar. In einer Partie auf diesem Niveau entscheiden Details oder eine außergewöhnliche Aktion über Sieg oder Niederlage – klingt nach Floskel, ist aber definitiv so