Pre-Match-Analyse

FC Ingolstadt - Rot-Weiss Essen

3. Liga | 10. Spieltag

Rot-Weiss Essens „Hafenstraßenfußball“ in der Entwicklung - der Tabellendritte RWE gastiert bei einem FCI im Umbruch

Vom Klassenerhalt zum Mitfavoriten

Rot-Weiss Essen befindet sich in einer Transformation von einem Klub, der vor nicht allzu langer Zeit um den Klassenerhalt kämpfte, zum Mitfavoriten der 3. Liga. Aus der Klassenerhalt-Strategie 2024/25 mit tiefem Block, Umschaltspiel und Standards entwickelte sich über das 4‑2‑3‑1 der Vorsaison der sogenannte „Hafenstraßenfußball“: kompakte Defensive, regelmäßig hohe Anlaufhöhe, mutige Zweikämpfe, schnelles Umschalten und mehr strategischer Ballbesitz. Der Tabellenplatz in der bisher gespielten Saison der 3. Liga ist ähnlich wie im Vorjahr – jetzt Dritter, damals Fünfter. Die Art, wie er zustande kommt, ist eine völlig andere.

Wie spielt Rot-Weiss Essen?

Basis ist ein 4‑2‑3‑1 mit mobilen Innenverteidigern, die schon in der ersten Linie strukturiert aufbauen. Laufleistung, Sprints und intensive Läufe liegen klar über dem Niveau der Vorjahre. Prägend für die laufende Saison ist eine Erkenntnis aus der Vorbereitung: Statt eines klassischen Zehners spielt der gelernte Mittelstürmer Semir Telalovic hinter Marek Janssen oder Jaka Cuber Potocnik. Ein darauf abgestimmtes Muster lautet Spiel über den Flügel, Durchbruch, Flanke und Präsenz im Strafraum. Mit vielen Kopfballtoren aus dem Spiel bringt dies Erfolg. In den Kategorien „Schüsse pro 90 Minuten“ (16,2) und „kumulative erwartete Tore pro Spiel“ (1,6) zählt RWE zu den besten Teams der aktuellen Saison. Indem RWE dieses Jahr mobilere und kleinere Spieler einsetzt, sind sie in der Statistik der Luftzweikämpfe schwächer, dafür im Spiel mit dem Ball wesentlich aktiver und gestalterischer geworden.

In der Defensive liegt der Fokus nach wie vor auf der Kompaktheit. Obwohl RWE in einigen Partien viele Gegentore kassierte, stellte die Mannschaft zwischen dem zweiten und siebten Spieltag die beste Defensive der Liga. Zudem setzte sich RWE im DFB-Pokal mit 2:0 gegen Zweitligist FC St. Pauli durch. Dabei ist zu berücksichtigen, dass RWE zu Saisonbeginn überwiegend auf formstarke Teams aus der oberen Tabellenregion traf. Beim 1:0-Sieg gegen die formstarke Viktoria Köln gelang es RWE außerdem, den Wert der gegnerischen „expected Goals“ äußerst gering zu halten. Solche Leistungen nimmt RWE bewusst wahr und sieht sich dadurch in seinem eingeschlagenen Weg bestätigt.

Wie spielt der FC Ingolstadt?

Nachdem die sportliche Entwicklung unter Trainerin Sabrina Wittmann aus Sicht der Verantwortlichen des FC Ingolstadt hinter den Erwartungen geblieben war, trennte sich der FCI nach acht Punkten aus sieben Spielen von ihr.

Nachfolger Achim Beierlorzer, früher Trainer beim 1. FC Köln, FSV Mainz 05 und SSV Jahn Regensburg, soll „aktiven Fußball mit hoher Intensität“ bringen. Beierlorzer fordert direkt „eine hohe Intensität und Aktivität in allen Positionen“ und immer wieder Tiefgang. Mit hohem Pressing wollen die Ingolstädter die Gegner vor Probleme stellen. Im ersten Ligaspiel mit Beierlorzer mussten sie sich jedoch dem SV Wehen Wiesbaden mit 2:4 geschlagen geben, der die hochstehende Abwehrkette des FCI immer wieder mit langen Bällen überspielte.

Zu Hause holte der FC Ingolstadt bisher erst einen Punkt aus vier Spielen und steht auf Rang 13. Am Mittwochabend gewann der FCI mit 3:0 bei Waldhof Mannheim. Die Mannheimer agierten ab der 14. Minute nach einer Roten Karte in Unterzahl, während die Schanzer ihre Überlegenheit in der zweiten Hälfte in Tore ummünzten.

Worauf kommt es an und wer sind die Schlüsselspieler?

Bei Rot-Weiss Essen ragt Semir Telalovic heraus. Der gelernte Mittelstürmer hat die Rolle auf der Zehn voll angenommen und ist mit sechs Toren und zwei Vorlagen in neun Ligaspielen der Torgarant der Mannschaft. Marvin Obuz profitiert auf dem rechten Flügel wie kaum ein anderer von den zwei Abnehmern im Strafraum. Seine Flanken und letzten Pässe sind ein zentraler Baustein des Essener Spiels, zuletzt bereitete er das 1:0 gegen Fortuna Köln vor. Mit Telalovic, Janssen und Cuber Potocnik hat RWE gleich drei Stürmer in guter Form zur Verfügung, die sich in den Dienst der Mannschaft stellen.

Das Umschalten ist auch fester Bestandteil des Hafenstraßenfußballs. Das 2:0 gegen Fortuna Köln zeigte es zum wiederholten Mal: Ballgewinn, Sprint über das halbe Feld, Abschluss Potocnik.

RWE fängt einen Pass im defensiven Mittelfeld ab und hat die Optionen für das Umschaltspiel in die Tiefe zu spielen

Beim FC Ingolstadt ist Kapitän Lars Lokotsch der Fixpunkt im Angriff. Er stand in allen neun Ligaspielen in der Startelf und erzielte zum Beispiel das Siegtor am 5. Spieltag in Saarbrücken, einer von bislang drei Ligatreffern. Zusätzliche Torgefahr bringt Obed Ugondu von der Bank: Er traf in nur fünf Einsätzen ebenfalls dreimal, zuletzt zum zwischenzeitlichen 2:2 gegen Wiesbaden. Über die Außenbahn weist Keanan Bennetts gute Statistiken im Herausspielen von Chancen und erfolgreichen Dribblings auf.

Fazit

Ingolstadt will im dritten Pflichtspiel unter Beierlorzer aktiv und hoch verteidigen, punktet zu Hause aber bisher kaum. Für RWE ist das ein weiterer Test in ihrer Entwicklung: Spielkontrolle als favorisiertes Team, mit der bekannten Umschaltstärke als Trumpf gegen eine hochstehende gegnerische Abwehrkette. Die Essener wollen die Fußballidee Hafenstraße auch in Ingolstadt umsetzen und den eingeschlagenen Weg konsequent weiterverfolgen.