
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ist die erste mit 48 Mannschaften und mit 104 Spielen zugleich die umfangreichste der Geschichte. Im Vorfeld rechneten viele damit, dass ein größeres Feld dem Turnier mehr Überraschungen bescheren würde. Nach der Gruppenphase, dem neuen Sechzehntelfinale und einem vollständig gespielten Achtelfinale lässt sich diese Frage nun fundierter beantworten.
Ein Turnier der Rekorde
Das neue Format verteilt die 48 Teams auf zwölf Vierergruppen. Weiter kommen die beiden Gruppenersten sowie die acht besten Gruppendritten, was zusammen 32 Mannschaften ergibt, die in einer eigens eingeführten Runde, dem Sechzehntelfinale, in die K.-o.-Phase starten.
Bemerkenswert ist vor allem die Vielfalt des Teilnehmerfeldes. Mit Curaçao hat sich das nach Einwohnerzahl kleinste Land aller Zeiten für eine WM qualifiziert; Kap Verde, Jordanien und Usbekistan feierten ihre Premiere auf der großen Bühne. Erstmals waren zudem acht arabische Nationen dabei. Das Turnier ist damit internationaler aufgestellt als je zuvor. Ein Punkt, der unabhängig von der sportlichen Frage nach den Überraschungen für sich steht.
Viel Spektakel, viele Emotionen
Rein an Toren und Höhepunkten gemessen hat das erweiterte Format geliefert. Mehr Spiele bedeuten zwangsläufig mehr Geschichten. Einige davon waren durchaus außergewöhnlich. In der Gruppenphase gab es deutliche Ergebnisse wie das 7:1 Deutschlands gegen Curaçao, und Mannschaften wie Kanada, das bei seinen bisherigen WM-Teilnahmen ohne Punkt geblieben war, schafften den Sprung in die K.-o.-Runde. Für diese Nationen und ihre Anhänger waren das Momente, die in Erinnerung bleiben.
Lange sah es allerdings so aus, als bliebe die etablierte Rangordnung davon unberührt. In der Gruppenphase leistete sich mit der Türkei nur ein hoch gehandeltes Team ein überraschend frühes Aus, und der Kreis der Titelanwärter präsentierte sich zunächst weitgehend unverändert. Das Bild sollte sich erst in der K.-o.-Runde drehen.
Die K.O.-Runde bringt die Wende
Das Achtelfinale hat schließlich die Sensationen gebracht, die man traditionell mit dieser Turnierphase verbindet. Die größte davon lieferte Norwegen: Mit einem 2:1 warf die Mannschaft um Doppeltorschütze Erling Haaland Rekordweltmeister Brasilien aus dem Turnier. Auch der viermalige Weltmeister Deutschland musste nach einem packenden Elfmeterschießen gegen Paraguay nach dem Sechzehntelfinale die überraschend frühe Heimreise antreten.
Auffällig ist auch das Schicksal der Gastgeber. Reihum verabschiedeten sich alle drei Co-Ausrichter aus dem Wettbewerb: Kanada unterlag Marokko mit 0:3, Mexiko trotz großem Einsatz England mit 2:3, und die USA verloren gegen Belgien mit 1:4. Zum ersten Mal seit langem steht damit keine der austragenden Nationen im Viertelfinale.
Für zwei Ausnahmekönner bedeutete diese Runde zugleich einen emotionalen Abschied. Spanien bezwang Portugal durch einen späten Treffer von Mikel Merino mit 1:0. Für den 41-jährigen Cristiano Ronaldo war es aller Voraussicht nach das letzte Spiel bei einer Weltmeisterschaft. Und auch beim Ausscheiden Brasiliens ging eine Ära zu Ende: Nach der Niederlage gegen Norwegen erklärte Neymar, mit 130 Länderspielen und 80 Toren Rekordtorschütze der Selecao, seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft; ausgerechnet in jenem Stadion bei New York, in dem er 2010 sein erstes Länderspiel bestritten hatte.
Runde der letzten Acht: die Großen setzen sich durch
Spätestens in der Runde der letzten Acht kehrte die gewohnte Ordnung zurück. Frankreich setzte sich gegen Marokko mit 2:0 durch, Spanien bezwang Belgien dank eines erneut späten Treffers von Mikel Merino mit 2:1. England beendete das norwegische Märchen mit einem 2:1 nach Verlängerung, wobei Jude Bellingham beide Treffer erzielte. Und Titelverteidiger Argentinien rang die Schweiz mit 3:1 nach Verlängerung nieder.
Damit heißen die Halbfinalisten Frankreich, Spanien, England und Argentinien. Am Dienstag treffen in Dallas Frankreich und Spanien aufeinander, tags darauf in Atlanta England und Argentinien. Vier Nationen also, die vor dem Turnier ausnahmslos zum engsten Favoritenkreis zählten.
Fazit: mehr Spektakel, differenziertere Bilanz
Wie fällt die Zwischenbilanz also aus? Zunächst spielt der Umfang keine Rolle: Bei rund 40 Prozent mehr Spielen als früher steigt die absolute Zahl überraschenden Ergebnisse fast von selbst. Das erklärt einen Teil der eher unerwarteten Ergebnisse, sagt aber noch wenig über die eigentliche Qualität der Überraschungen aus.
Interessanter ist der zeitliche Verlauf. Die aufgeblähte Gruppenphase, die den besten 8 Gruppendritten das Weiterkommen garantierten, schützte die Favoriten zunächst vor frühen Ausrutschern. Die wirklichen Überraschungen kamen erst später, in der reinen K.O.-Phase, in der ein einziges schwaches Spiel das Aus bedeutet. Das Ausscheiden Brasiliens und aller drei Gastgeber zeigt, dass das Turnier durchaus für Umbrüche gut ist.
Von einer grundlegenden Verschiebung der Kräfteverhältnisse lässt sich dennoch nicht sprechen: Mit Frankreich, England, Spanien und Argentinien zogen ausschließlich Topfavoriten ins Halbfinale ein; erstmals seit Einführung der FIFA-Weltrangliste 1993 erreichten die vier bestplatzierten Nationen gemeinsam die Runde der letzten vier. Spanien steht nach dem 2:0 gegen Frankreich bereits im Endspiel, den zweiten Finalisten ermitteln England und Argentinien heute Abend. Wer es am Ende macht, entscheidet sich am 19. Juli 2026, um 21:00 im MetLife Stadium, New Jersey.