
Was die Daten über Schiedsrichterstile verraten
Schiedsrichterstile verraten
Kaum eine Vorstellung ist im Fußball so weit verbreitet wie diese: In Südamerika lassen Schiedsrichter ein körperbetontes Spiel eher zu, während in Europa bereits der kleinste Kontakt abgepfiffen wird. Südamerikanische Unparteiische gelten als großzügig und spielflussorientiert, europäische dagegen als besonders regelstreng und kleinlich. Ein Blick auf die verfügbaren Daten zeigt jedoch, dass dieses weitverbreitete Bild einer empirischen Überprüfung nicht standhält.
Die Datenlage kehrt das Klischee um
Die belastbarste globale Vergleichsquelle stammt vom CIES Football Observatory in Neuenburg. Dessen Monthly Report n°57 (September 2020) wertete 101.491 Spiele aus 87 ersten Ligen über fünf Saisons aus; das ist eine der umfangreichsten Erhebungen zur Kartenvergabe, die es gibt. Das Ergebnis widerspricht der gängigen Erzählung deutlich: Im weltweiten Schnitt verteilten Schiedsrichter 4,42 Gelbe und 0,25 Rote Karten pro Spiel. In der südamerikanischen Konföderation CONMEBOL lag der Schnitt bei 5,83 Karten pro Partie. Nach Angaben der Studie rund 45 Prozent über dem Wert der untersuchten asiatischen Ligen (4,00).
Die kartenreichsten Ligen der gesamten Studie waren ausnahmslos amerikanische: vier südamerikanische (Bolivien, Uruguay, Kolumbien, Paraguay) und drei mittelamerikanische (Guatemala, Nicaragua, El Salvador). Am unteren Ende standen asiatische und nordeuropäische Wettbewerbe. Nicht Europa, sondern Südamerika ist also der kartenfreudigste Block, also das genaue Gegenteil dessen, was das Klischee behauptet.
Auch ein Blick auf die aktuellen WM-Schiedsrichter stützt dieses Bild eher als die Gegenthese. Das auf Schiedsrichterstatistik spezialisierte Portal FootyMetrics führt für die WM 2026 die argentinischen Referees Darío Herrera (rund 5,5 Gelbe pro Spiel) und Yael Falcón Pérez an der Spitze seiner Strenge-Rangliste. Allerdings folgt auf Platz drei mit dem Spanier Alejandro Hernández Hernández bereits ein UEFA-Schiedsrichter, dazu der Rumäne István Kovács.
„Europa" gibt es nicht
Schon der Begriff „die europäischen Schiedsrichter" ist eine Vereinfachung, die der Realität nicht gerecht wird. Innerhalb der UEFA liegen Welten zwischen den Ligen. Die CIES-Foulanalyse der fünf großen europäischen Wettbewerbe zeigt eine Spanne von 20,9 Fouls pro Spiel in der Premier League bis zu 27,0 in der spanischen La Liga; die Bundesliga liegt mit 24,0 im unteren Mittelfeld, Ligue 1 (26,4) und Serie A (26,6) deutlich darüber. Die Studienautoren führen diese Unterschiede ausdrücklich auch auf verschiedene Schiedsrichterstile zurück.
Wer also „europäisch" mit „kleinlich" gleichsetzt, wirft eine kartenarme Bundesliga mit einer zweikampfintensiven La Liga in denselben Topf.
Warum mehr Karten nicht „kleinlicher" bedeutet
Der entscheidende methodische Punkt für eine seriöse Einordnung: Die Zahl der Karten ist kein direktes Maß für die Strenge eines Schiedsrichters. Karten sind das Ende einer langen Kette aus Spielweise, Foulhäufigkeit, Auslegung von Graubereichen und Anwendung der Vorteilsregel.
Eine Querschnittsstudie zu den fünf europäischen Topligen (veröffentlicht in Heliyon, 2024) untersuchte 15 Disziplinarindikatoren über fünf Saisons und fand, dass nur drei davon, Fouls, Gelbe Karten und Luftzweikämpfe, das Aktivitätsniveau eines Schiedsrichters statistisch sinnvoll beschreiben. Die Autoren betonen, dass Referees unterschiedliche Stile pflegen und dass regelmäßige Grauzonen subjektiv interpretiert werden. Ein Schiedsrichter, der bei strittigen Szenen die Vorteilsregel zieht und das Spiel laufen lässt, erscheint in der Statistik „milder", ohne weniger streng zu urteilen.
Hinzu kommt der Kontext, in dem gepfiffen wird. Das CIES-Team fand statistisch belastbare Zusammenhänge zwischen der Kartenrate einer Liga und gesellschaftlichen Faktoren wie dem Bruttoinlandsprodukt, dem Entwicklungsindex und der Kriminalitätsrate eines Landes. Mit anderen Worten: Die hohe Kartenzahl in Südamerika spiegelt eher das Wettbewerbs- und Spielumfeld wider als die Pedanterie einzelner Unparteiischer. Strenge lässt sich aus solchen Aggregatzahlen schlicht nicht sauber ablesen.
Ein verwandtes, gut belegtes Phänomen ist der Heimvorteil-Bias. Eine breite ökonomische Literatur von Garicano und Kollegen (2005) über Dohmen (2008) bis zur Übersicht von Dohmen und Sauermann (2016) zeigt, dass Schiedsrichter Heimmannschaften systematisch leicht bevorzugen, vor allem unter dem Druck der Zuschauer. Pope und Pope (2015) wiesen für die Champions League sogar einen Eigen-Nationalitäts-Bias nach: Spieler erhielten von Schiedsrichtern aus dem eigenen Land messbar häufiger Entscheidungen zu ihren Gunsten. Studien zu den Geisterspielen während der Corona-Pandemie bestätigten, dass dieser Bias ohne Publikum schrumpft. All das zeigt, wie stark Schiedsrichterentscheidungen vom Umfeld geprägt sind und wie wenig sie sich auf eine simple „europäisch vs. südamerikanisch"-Achse reduzieren lassen.
Der Blick auf die WM 2026
Die laufende Weltmeisterschaft liefert ein aktuelles Anschauungsbeispiel. Die FIFA nominierte am 9. April 2026 das größte Schiedsrichteraufgebot ihrer Geschichte: 52 Referees, 88 Assistenten und 30 Video-Schiedsrichter aus allen sechs Konföderationen, darunter 15 aus der UEFA und 12 aus der CONMEBOL. Erstmals gelten erweiterte VAR-Befugnisse: Der Videoassistent darf nun auch falsch gegebene zweite Gelbe Karten, Spielerverwechslungen und irrtümlich gegebene Eckbälle überprüfen.
Die ersten Turnierdaten deuten dabei nicht auf zunehmende Kleinlichkeit hin, im Gegenteil. Eine Datenanalyse der Northeastern University zur ersten Gruppenspielrunde ermittelte 24,4 Fouls pro Spiel, was einen deutlicher Rückgang gegenüber 27,7 bei der WM 2022 und 29,3 im Jahr 2018, aufweist. Auch die Gelben Karten gingen zurück. Der zuständige Forscher führt das unter anderem darauf zurück, dass die Schiedsrichter das Spiel bewusst laufen lassen und kleinere Vergehen seltener ahnden als in früheren Jahren.
Was sich abschließend sagen lässt
Das Klischee vom kleinlichen Europäer und großzügigen Südamerikaner wird von den Daten nicht bestätigt. Südamerikanische Schiedsrichter zeigen im Schnitt sogar eher mehr Karten, vermutlich wegen Spielstil und Kontext, nicht wegen größerer Strenge. Da „Strenge" schwer messbar ist und belastbare Vergleichsdaten fehlen, bleibt der Mythos bislang unbelegt. Die verfügbaren Zahlen sprechen eher dagegen.
Quellen und Belastbarkeit: Offizielle und institutionelle Daten – FIFA (Schiedsrichternominierung, 9. April 2026), CIES Football Observatory (Monthly Report n°57, September 2020). Peer-reviewte Forschung – u. a. Garicano et al. (2005), Pope & Pope (2015), Dohmen & Sauermann (2016), Heliyon-Querschnittsstudie (2024). Journalistische Datenanalyse – Northeastern University (Juni 2026). Wett- und Marktdaten (als Orientierung, nicht als harter Beleg) – FootyMetrics. Die CIES-Daten stammen aus der Zeit vor flächendeckendem VAR-Einsatz; aktuelle Turnierwerte beruhen auf einer kleinen Stichprobe.