
Die größte WM der Geschichte ist gleichzeitig die physisch anspruchsvollste. Während über Favoriten und Taktik diskutiert wird, entscheidet ein Faktor mit, den keine Tabelle abbildet: die körperliche Belastung. Eine Einordnung:
Am 11. Juni 2026 hat in Mexiko-Stadt die erste WM mit 48 Teams begonnen. 104 Spiele, 16 Spielorte, drei Gastgeberländer, knapp sechs Wochen Turnierdauer, die Dimensionen der Weltmeisterschaft sind neu. Neu ist aber auch eine Diskussion, die sich nicht um Spielsysteme dreht, sondern um Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Höhenmeter und Zeitzonen. Aus sportwissenschaftlicher Sicht ist das kein Randthema, sondern es könnte und wird über Ergebnisse mitentscheiden.
Die Hitze ist messbar – und sie ist erheblich
Dass es im nordamerikanischen Hochsommer warm wird, überrascht niemanden. Entscheidend ist aber nicht die Lufttemperatur allein, sondern die sogenannte Wet-Bulb-Globe-Temperatur (WBGT). Dieser Index kombiniert Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Strahlungswärme und Wind, und bildet damit ab, wie gut der Körper sich über Schwitzen selbst noch kühlen kann. Als grobe Orientierung: Ein WBGT-Wert von 28 Grad entspricht etwa 38 Grad trockener Hitze.
Eine Untersuchung von Forschenden des Imperial College London (World Weather Attribution) zeichnet ein deutliches Bild: An 14 der 16 Spielorte können kritische Hitzeschwellen erreicht werden. Rund ein Viertel aller Partien dürfte unter einem WBGT von mindestens 26 Grad stattfinden. Das ist ein Wert, ab dem Sportmediziner Kühlpausen empfehlen. Als besonders belastet gelten Standorte wie Miami, Kansas City, Dallas und Houston. Im Vergleich zur bislang einzigen WM in den USA 1994 hat sich das Hitzerisiko etwa verdoppelt.
Die Folgen sind keine Theorie. Bei der Klub-WM 2025, die der FIFA als Testlauf diente, wurde über die Hälfte der Spiele bei mehr als 28 Grad WBGT ausgetragen. Und je höher der Wert, desto geringer die von den Spielern zurückgelegten Distanzen. Hitze verlangsamt das Spiel messbar.
Höhe und Reisen: die unterschätzten Faktoren
Hitze ist nur ein Faktor. Wer in Mexiko spielt, kämpft zusätzlich mit der Höhe. Mexiko-Stadt liegt auf rund 2.240 Metern, Guadalajara auf etwa 1.560 Metern. Für nicht akklimatisierte Athleten bedeutet das spürbaren Einbußen: Bereits auf 2.000 Metern sinkt die maximale Sauerstoffaufnahme um rund zehn Prozent. Im Spitzensport bringt das merkliche Unterschiede: weniger intensive Sprints, kürzere Wege, ein verändertes Spiel.
Dazu kommen die Distanzen. Bis zu rund 4.300 Kilometer trennen die weit auseinanderliegenden Spielorte, vier Zeitzonen werden überspannt. Manche Teams legen über die Gruppenphase hinweg mehrere tausend Kilometer zurück. Die Schlafforschung rechnet grob mit einem Tag Anpassung pro überquerte Zeitzone, und Ostwärtsreisen belasten den Organismus stärker als Reisen nach Westen. Erschwerend wirken die ungewohnten Anstoßzeiten: Über das Turnier verteilt gibt es mehr als ein Dutzend verschiedener Anpfiffzeiten, vom Mittag bis in den späten Abend. Mittagsspiele fallen dabei ausgerechnet mit dem Hitzemaximum zusammen und liegen weit entfernt vom körperlichen Leistungsoptimum am frühen Abend.
Was die FIFA tut und was Fachleute fordern
In allen 104 Spielen gibt es künftig in jeder Halbzeit eine verpflichtende, dreiminütige Trinkpause rund um die 22. Minute, unabhängig von Wetter oder Stadiondach. Hinzu kommen klimatisierte Bänke, Kühlinfrastruktur und ein Spielplan, der heiße Nachmittagspartien bevorzugt in überdachte oder klimatisierte Arenen lenkt, etwa in Dallas, Houston, Atlanta oder Vancouver.
Einer Gruppe von Wissenschaftlern allerdings reicht das nicht. Sie halten die dreiminütigen Pausen für zu kurz, um wirklich zu schützen und fordern eine Verdoppelung auf mindestens sechs Minuten sowie Spielverlegungen ab 28 Grad WBGT. Sportmediziner sprechen von "eher Schadensbegrenzung als echter Prävention" der FIFA. Diese Punkte sind Forderungen, keine Beschlüsse. Der Verband sieht eine Verlegung bislang erst ab deutlich höheren Werten in Betracht.
Vorbereitung wird zum Wettbewerbsvorteil
Genau hier wird das Thema interessant. Denn wer die Bedingungen nicht ändern kann, muss sich auf sie vorbereiten, und das ist Athletik- und Sportwissenschaft im besten Sinne. Englands Team trainierte vorab in Hitzekammern, maß die Körperkerntemperatur seiner Spieler und entwickelte individuelle Kühlstrategien. Andere setzen auf Höhentrainingslager, Pre-Cooling mit Eiswesten, präzises Flüssigkeits- und Elektrolytmanagement sowie konsequentes Schlaf- und Reisemanagement gegen den Jetlag.
Es sind, wie es Sportwissenschaftler formulieren, "viele kleine Schräubchen", deren Summe am Ende einen großen Unterschied macht. Teams, die in heißen Klimazonen zuhause sind, bringen ohnehin einen Anpassungsvorteil mit. Alle anderen müssen ihn sich erarbeiten. Es lohnt sich, beim Zuschauen genau auf diesen unsichtbaren Wettbewerb zu achten.