
Pre-Analyse
Deutschland - Ecuador
WM | 3. Gruppenspiel
Was kann Deutschland aus dem 2:1-Sieg gegen die Elfenbeinküste mitnehmen?
Die deutsche Nationalmannschaft hat das intensive und umkämpfte Spiel gegen die sehr physisch auftretende Elfenbeinküste gewonnen und sich dank des Unentschiedens zwischen Ecuador und Curaçao bereits den Gruppensieg gesichert. Das Team von Julian Nagelsmann zeigte auch gegen die Afrikaner die schon vielfach thematisierten Stärken und Schwächen. Auch wenn das Spiel nicht über Dominanz oder Spielkontrolle bestimmt wurde, sondern oftmals in beide Richtungen hätte kippen können, so gelang es der deutschen Elf doch, das Duell für sich zu entscheiden. Auffällige Akteure waren etwa Felix Nmecha und Nathaniel Brown, die über die offensiven Halbräume für dynamische Angriffsaktionen sorgten. Allerdings gab es für die deutschen Bemühungen mit Kombinationen durchs Zentrum über die Kreativspieler Florian Wirtz oder Jamal Musiala kein Durchkommen gegen robust verteidigende Ivorer. Den Unterschied machte schließlich der formstarke Deniz Undav, der seine Wucht und technische Finesse bei seinen beiden Toren in klassischer Mittelstürmermanier einbrachte.
In der Defensive wurden zwei größere Themen markant. Auf der rechten Abwehrseite stoßen Joshua Kimmich und Leroy Sané defensiv an ihre Grenzen, insbesondere wenn ein quirliger Gegenspieler mit Fähigkeiten im Eins-gegen-eins-Dribbling wie Yan Diomande über ihre Seite kommt. Kommt es dann zur Hereingabe wie vor dem 1:0 für die Elfenbeinküste, so gelingt es dem defensiven Mittelfeld bisher nicht, die Zone um den Elfmeterpunkt rechtzeitig zu besetzen und somit konsequent zu verteidigen. Auf diese Weise kamen die Elfenbeinküste und Curaçao zum Torerfolg und zu weiteren Chancen. Hier braucht das Team höhere Aufmerksamkeit und eine wachsamere Besetzung im Zentrum sowie Rückraum.
Was ist taktisch von der Mannschaft Ecuadors zu erwarten?
Ecuador hat in den ersten beiden Spielen kein Tor erzielt, was nicht der eigentlichen Offensivkraft dieser Mannschaft entspricht. Im ersten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste waren es drei Aluminiumtreffer und weitere ungenutzte Chancen, ehe die Elfenbeinküste in der 90. Minute den Siegtreffer erzielte. Beim 0:0 gegen Curaçao hatten sie einen Lattentreffer und ein deutliches Chancenplus. Gefährlich werden sie insbesondere im schnellen Vertikalspiel, vorzugsweise wenn der Gegner höher aufgerückt verteidigt oder den Ball verliert.
Grundsätzlich legt Ecuador großen Wert auf die Defensive. In der WM-Qualifikation stellten sie die beste Defensive mit lediglich fünf Gegentoren in 18 Spielen. Für das Aufeinandertreffen mit Deutschland müssen sie aufgrund der Tabellensituation in der WM-Gruppe E allerdings mehr riskieren, um das Weiterkommen aus eigener Kraft zu schaffen. In der Anwendung ihrer taktischen Formation können sie sowohl mit Dreier- als auch mit Vierer-Kette agieren.
Was macht Mannschaft und Einzelspieler Ecuadors aus?
Das Team aus Ecuador hat punktuell Weltklasse-Spieler in seinen Reihen und ein enorm starkes defensives Zentrum:
In der Abwehr sind Willian Pacho (PSG) und Piero Hincapié (FC Arsenal) die Säulen, die sehr viel organisieren und selbst wegverteidigen. Moisés Caicedo (FC Chelsea) ist einer der besten Sechser der letzten Jahre und gibt im zentralen Mittelfeld den Takt in beide Richtungen vor. Im Sturm rackert der erfahrene und spielintelligente 36-jährige Stürmer Enner Valencia (CF Pachuca/Mexiko) als Kapitän. Diese Spieler bilden die Achse, die basierend auf dem defensiven Fundament eine klare Struktur ins Spiel bringt.
Was bedeutet das für Deutschland?
Für die deutsche Offensive wird Ecuador die nächste Herausforderung, die es zu knacken gilt. Je nach taktischer Formation der Ecuadorianer entstehen verschiedene Räume, wobei es in Tempo, Tiefenläufe und Dynamik einer Steigerung im Vergleich zu den bisherigen Auftritten bedarf.
Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Nico Schlottrerbeck wird höchstwahrscheinlich Antonio Rüdiger den Platz in der Innenverteidigung übernehmen. Somit hat die Abwehrkette ein Spiel, um sich unter Wettkampfbedingungen einzuspielen.
Die vieldiskutierte Startelffrage um den Matchwinner Deniz Undav kann nur Julian Nagelsmann basierend auf seiner Einschätzung und seinen Trainingseindrücken beantworten. Für Undav als Einwechselspieler spricht, ihn bewusst als Trumpf in der zweiten Hälfte bringen und der Mannschaft so einen zusätzlichen Impuls geben zu können.
Für einen Einsatz von Beginn an steht das Argument seiner erzielten Tore und das, die deutsche Offensivabteilung mit ihm gegen eine gute Defensive wie Ecuador sehen zu können. So oder so sind seine zielstrebige Spielweise und Torgefahr eine Bereicherung für die deutsche Mannschaft.
Deutschland steht als Gruppenerster bereits im Sechzehntelfinale, welches zum ersten Mal überhaupt bei einer Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Bisher steht lediglich fest, dass ein Gruppendritter Gegner der Deutschen sein wird. Hierfür kann nun das dritte Gruppenspiel gegen Ecuador eine vergleichbare und vorbereitende Partie werden: Deutschland ist Favorit und kann dies in dynamischeren Angriffsaktionen sowie in konsequenterem Verteidigen unter Beweis stellen. Gerade das zentrale Mittelfeld wird gefordert sein, die wichtigen defensiven Räume frühzeitig zu schließen, denn die Gegner des deutschen Teams dürften dies mittlerweile alle als Möglichkeit für einen Torerfolg gegen Deutschland ausgemacht haben.

Grafik: GER-ECU – Verteidigung des Zentrums bei Angriffen über außen