Real Madrid ist nach wie vor eine der besten Mannschaften der Welt, der es seit jeher gelingt, in derartigen K.-o.-Spielen auf den Punkt ihre Leistung abzurufen. Sie ist schlichtweg in der Lage, jede Mannschaft der Welt zu schlagen, und legt in entscheidenden Spielen eine bemerkenswerte Mentalität an den Tag.

Dies trifft allerdings auch auf das aktuelle Bayern-Team zu, das in allen Wettbewerben bis dato beeindruckend dominant und widerstandsfähig unterwegs ist.

Anfang des Jahres wechselte Real Madrid den Trainer. Alvaro Arbeloa hat eine andere Philosophie als Vorgänger Xabi Alonso: Arbeloas Ansatz funktioniert mit Reals Star-Spielern offenbar besser als der seines Vorgängers, bedeutet aber auch potenzielle Gefahren gegen taktisch disziplinierte Teams. Er gibt weniger ein taktisches Korsett vor, sondern den Stars viele Freiheiten. Er ähnelt damit Carlo Ancelotti, der mit den Madrilenen 2014, 2022 und 2024 die Champions League gewann.

Zwar hatte Madrid in diesem Kalenderjahr auch schon einige Aussetzer bei mancher Niederlage in der Liga oder dem schmerzlichen 2:3-Aus im Pokal bei Zweitligist Albacete Mitte Januar – im Achtelfinale der Champions League bekam aber Manchester City zu spüren, wie stark Real Madrid sein kann.

Bemerkenswert war dabei auch die taktische Herangehensweise: In einem auf Kompaktheit bedachten 4-4-2-System legten die Spanier den Fokus darauf, die defensiven Räume gegen die spielstarken Cityzens zu kontrollieren. Bei Balleroberungen erfolgte das pfeilschnelle Umschaltspiel mit den Spitzen Vinicius Junior und Brahim Diaz. Im Spiel mit dem Ball versucht Real stets das Kombinationsspiel so auszurichten, dass die Ausnahmekönner in der Offensive in Eins-gegen-eins-Situationen gehen können – womit wir bei den Schlüsselspielern sind …

Wer sind Reals Schlüsselspieler?

Sofern die Gesundheit mitspielt, ist die individuelle Qualität der Angreifer Kylian Mbappé oder Vinicius Junior absolute Weltklasse. Beide sind mit ihrer Kombination aus Geschwindigkeit und Abschlussstärke außergewöhnlich und können aus dem Nichts Spiele entscheiden. Beide kommen bevorzugt über die linke Seite. Sollten beide gegen Bayern von Beginn an spielen, so wird vermutlich Mbappé vermehrt im Sturmzentrum agieren. Extrem viel hängt von der überragenden technischen Klasse dieser Spieler ab. Die große Frage hierbei ist, wie das Zusammenspiel dieser beiden eher egozentrisch als teamorientiert veranlagten Spieler in dieser entscheidenden Phase der Saison funktioniert.

Grundsätzlich hat aber jeder Offensivspieler der Madrilenen das Zeug dazu, den Unterschied zu machen. Siehe Fede Valverde aus Uruguay: Er erzielte beim 3:0-Hinspielsieg gegen Man City alle drei Tore binnen 22 Minuten! Und dann gibt es da noch ein großes Talent aus der Türkei: Der offensiv ausgerichtete Mittelfeldspieler Arda Güler (21) wächst in die Rolle als passsicherer Spielmacher hinein und hat in den letzten Spielen konstant gute Leistungen gezeigt.

Wo liegt der Schlüssel zum Erfolg für die Bayern?

Bayerns Offensive ist der von Madrid absolut ebenbürtig. Daher wird es in Hin- und Rückspiel entscheidend sein, wie viel beide Teams defensiv zulassen.

Ein Faktor könnte der Einsatz von Alphonso Davies werden, der durch seine Geschwindigkeit Fede Valverde und Daniel Carvajal dazu zwingen kann, defensiver zu bleiben. Extrem wichtig werden auch die Eins-gegen-eins-Duelle von Josip Stanišić oder Konrad Laimer gegen Vinicius Junior auf der rechten Seite der Bayern sein.

Die Madrilenen bekommen regelmäßig Probleme, wenn der Gegner im Tempo auf die Außenverteidiger zukommt, nach innen zum Abschluss zieht oder per Hereingabe der Ball ins Abwehrzentrum gespielt wird. Dort offenbart die Innenverteidigung oft Zuteilungsprobleme. Und auch wenn der erste Ball durch beispielsweise Antonio Rüdiger geklärt werden kann, ist das zentrale Mittelfeld der Spanier oft nicht konsequent in der Besetzung des Rückraums. Von dort aus kommen Gegner immer wieder zu Abschlüssen oder dem Angriff in zweiter Phase. Dies könnte die Gelegenheit für Harry Kane oder Serge Gnabry sein.

Grafik: Angriff FC Bayern gegen RAV von Real und dann Hereingabe ins Zentrum plus Rückraum besetzt

Mein Fazit:

Ich schätze die Chancen für die Münchner auf 50:50 ein und erwarte ein höchst spannendes Aufeinandertreffen. Kleiner Vorteil für die Bayern kann sein, dass das Rückspiel in der heimischen Allianz Arena stattfindet, wo insbesondere an solchen Abenden eine mitreißende Stimmung herrscht.

Real Madrid wird für die Bayern der bisher stärkste Gegner in diesem Jahr sein.

Der hat allerdings noch eine wichtige Aufgabe zu bearbeiten: In La Liga soll aus Sicht von Real das letzte Wort um die spanische Meisterschaft angesichts des aufholbaren Rückstands auf den Dauerrivalen FC Barcelona noch nicht gesprochen sein.