Welche sind die erfolgreichsten taktischen Trends im Klub-Fußball des Jahres 2025?

Der Dezember ist der Monat der Jahresrückblicke. So blickt auch Taktikexperte Sebastian Friedl vom Internationalen Fußball Institut (IFI) auf die erfolgreichsten taktischen Entwicklungen des vergangenen Fußballjahres zurück.

Paris St. Germain hat 2025 nicht einfach die UEFA Champions League gewonnen, sondern mit erdrückender Spielkontrolle seine Dominanz im Klub-Fußball manifestiert. Historisch ist der Gewinn des Triples aus Ligue 1, Coupe de France und Champions League. Zur Krönung räumte PSG zusätzlich UEFA-Supercup sowie FIFA Interkontinental-Pokal ab und zeigte das gesamte Jahr über einen attraktiven Spielstil, den temporeicher Kombinationsfußball, hohe Intensität und Konstanz charakterisieren.

Der Kader hat als funktionierende Mannschaft zusammengefunden und ist zugleich gespickt mit individueller Qualität. Weltfußballer Ousmane Dembelé, Désiré Doué, Khvicha Kvaratskhelia oder Bradley Barcola bilden einen Wahnsinnsangriff. Das Herzstück des erfolgreichen Pariser 4-3-3-Systems ist jedoch ein Mittelfeld-Trio, das sich bestens in seinen Rollen ergänzt: Vitinha als dynamischer, moderner Spielmacher, João Neves als Stabilisator in beide Richtungen und Fabián Ruiz als Stratege. Zusätzlich sind die Weltklasse-Außenverteidiger Nuno Mendes oder Achraf Hakimi fester Bestandteil des Angriffsspiels, liefern Vorlagen oder erzielen selbst immer wieder Tore.

Grafik: 4-3-3 mit einem 6er und hinterlaufenden RAV Hakimi

Doch selbst ein hervorragend zusammengestelltes und funktionierendes Kollektiv wie PSG ist nicht unschlagbar – wenn man es taktisch richtig angeht. Wie man sie bezwingen kann, hat zum einen der FC Chelsea im Finale der FIFA Klub-WM 2025 demonstriert: Chelsea wandte mit Anpfiff ein gut strukturiertes Pressing an und ging dank hoher Effizienz in der Chancenverwertung mit frühen Toren durch Cole Palmer (22. und 30. Minute) in Führung. Dank eines starken Torwarts Robert Sanchez und einer homogenen Mannschaftsleistung gewannen die Londoner das Finale am Ende verdient mit 3:0.

Ein anderer beispielhafter PSG-Bezwinger ist der FC Bayern: Im Vorrundenspiel der laufenden Champions-League-Saison siegten die Bayern im November in Paris mit 2:1.

Auch die Münchner rückten PSG mit strukturiertem Pressing zu Leibe und erzielten frühe Tore durch Luis Díaz (4. und 32. Minute). Mit einer leidenschaftlichen defensiven Energieleistung und dem starken Manuel Neuer im Tor verteidigten sie in einer zweiten Hälfte in Unterzahl nach Luis Díaz‘ Roter Karte (45. +7) ihren Vorsprung erfolgreich.

Gegenwärtig ist aber weder PSG noch Bayern oder Chelsea die Nummer eins in der Königsklasse, sondern der FC Arsenal, der als einziges Team alle Spiele der aktuellen CL-Saison gewonnen hat. Arsenal ist ein über Jahre gewachsenes Team, das eine äußerst hohe Intensität und Laufbereitschaft an den Tag legt. Die Gunners haben exzellente Flankengeber, spielen sehr viele Bälle in den Sechzehner und sind extrem gefährlich bei Standardsituationen. Hierbei verfolgen sie eine besondere Strategie: Sie platzieren eine Gruppe von Spielern auf „lang“ und im Rücken der Abwehrspieler, also außerhalb von deren Blickfeldern. Mit der Flanke laufen diese Spieler ins Zentrum ein und sind so kaum zu verteidigen. Wenn jetzt im weiteren Saisonverlauf noch verletzte Top-Spieler wie Martin Ødegaard und Kai Havertz zurückkommen ...

Grafik: Positionierung Arsenal bei Ecke

Welche Schlüsse können wir aus dem Klub-Fußball für die Nationalmannschaften bei der WM 2026 ziehen?

Vorweg: Klub- und Auswahlmannschaft sind wie Äpfel und Birnen – vergleichbar, aber das Ergebnis des Vergleichs sind gravierende Unterschiede. Es bedeutet sehr viel Aufwand, eine Mannschaft und Gruppe so weit zu bekommen, wie es beispielsweise PSG im Sommer 2025 war. Für Nationalmannschaften mit wenigen Treffen über die Saison und einer kurzen Vorbereitung auf ein Turnier im Anschluss an eine lange Liga-Spielzeit ist das praktisch nicht möglich. Teilweise kompensieren können dies aber Nationalteams, die bereits seit etlichen Jahren in der gleichen Spielphilosophie zusammenspielen. Das Prachtbeispiel dafür ist Spanien: Sie haben seit über zwei Jahrzehnten eine klare einheitliche Spielphilosophie schon in den Jugendmannschaften etabliert.

Was aber aktuell weder Spanien noch ein anderes Nationalteam in die Waagschale werfen kann, ist ein eingespielter Block, wie es ihn in der Vergangenheit z. B. als Bayern-Block bei Deutschland oder Barca-Block bei Spanien gab. Zudem ist kein Nationalteam aufgrund der geringen Zahl gemeinsamer Trainingseinheiten in der Lage, ein so koordiniertes und aggressives Pressing wie Klubs auf Top-Level zu spielen.

Wer bei der WM erfolgreich sein will, muss also andere Trümpfe ausspielen: Spanien etwa ist aufgrund der langjährigen Spielphilosophie mit technisch starkem Kombinationsfußball Gradmesser aus taktischer Sicht. Frankreich bringt mit Einzelkönnern wie Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé oder Michael Olise sehr hohe individuelle Klasse mit zum Turnier. Und dann ist da noch England: Sie haben einen stabilen Kader und sind punktuell mit Weltklasse-Spielern wie Harry Kane und Jude Bellingham besetzt. Zudem sind die meisten englischen Nationalspieler durch die Premier League enorme Intensität auf höchstem Niveau über eine komplette Saison hinweg gewohnt. Der amtierende Weltmeister Argentinien verfügt über ein stark besetztes Mittelfeld mit unter anderem Enzo Fernández und Alexis Mac Allister, die die klassischen Gaucho-Tugenden wie Leidenschaft, Entschlossenheit und Intensität verkörpern. Ist Lionel Messi fit, gehört er in die Startelf und macht diese Mannschaft immer noch besser, indem er extrem starke Mitspieler wie die Stürmer Lautaro Martinez und Julian Alvarez einsetzen kann. Aber auch ohne Messi hat Argentinien eine Mannschaft, mit der bei der WM zu rechnen sein wird, siehe das 4:1 gegen Brasilien in der WM-Qualifikation.

Mein Fazit mit Blick auf die WM 2026: Alle Nationalmannschaften haben Schwächen, die bei den Top-Klubs der Champions League nicht so ausgeprägt auftauchen. Die Spieler des spanische Nationalteams sind eher klein. Spanien hat Probleme in der Defensive, die Gegner mit Standards ausnutzen können. England fehlt in Duellen auf Augenhöhe immer wieder die entscheidende individuelle Qualität. Zudem könnte sich im Turnierverlauf die kräftezehrende Saison als Nachteil erweisen. Das deutsche Team zeigte zuletzt immer wieder Anfälligkeiten in der Abwehr und muss vor allem an Konstanz zulegen. Bei Frankreich fehlt den Offensivspielern punktuell die Verbindung zueinander, da alle bei unterschiedlichen Vereinen in unterschiedlichen Systemen spielen. Und die Equipe Tricolore offenbart besonders dann Schwächen, wenn diese Offensivspieler nicht mannschaftsdienlich zurückarbeiten.

Welche Trainer haben den Fußball seit 2000 besonders geprägt?

Einer der erfolgreichsten Coaches ist der französische Nationaltrainer Didier Deschamps, der – als einer von nur drei Menschen neben Mário Zagallo und Franz Beckenbauer – den WM-Titel als Spieler (1998) und Trainer (2018) gewonnen hat. Seit 2012 im Amt möchte er nach der WM 2026 aufhören und könnte Gerüchten zufolge von Zinedine Zidane abgelöst werden. Deschamps hat zwar taktisch keine „französischen Revolutionen“ angezettelt, doch es gelang ihm immer wieder, seine individuell stark besetzte Mannschaft mit Disziplin und Teamgeist erfolgreich zu machen. Der Oscar in der Kategorie „Prägend im taktischen Bereich“ geht aber natürlich an keinen anderen als Pep Guardiola. Er denkt das Spiel jederzeit in offensiven und defensiven Elementen. In seinem Ansatz hat die Raumbesetzung in Ballbesitz hohen Stellenwert, um Schlüsselspieler in aussichtsreiche Aktionen zu bekommen und um im Falle des Ballverlustes den Ball strukturiert und schnell zurückerobern zu können. Wenn das funktioniert, beherrschen seine Teams das Spiel in erdrückender Manier. Neben Guardiola hat für mich zuletzt auch Jürgen Klopp bleibenden Eindruck im Fußball hinterlassen: Seine Mannschaften legten einen Spielstil mit bis dahin nicht gekannter, begeisternder, hoher Intensität an den Tag. Insbesondere das Gegenpressing nach Ballverlust gepaart mit vertikalem Spiel nach Balleroberung zeichnen „Kloppo“-Mannschaften aus. Klopps Fokus: die Umschaltmomente.